Sauerstoffmangel bei Neugeborenen: Schützt ein Gichtmedikament das Gehirn?

Prof. Axel Franz, Oberarzt der Abteilung für Neonatologie und

neonatologische Intensivmedizin an der Kinderklinik des

Universitätsklinikums Tübingen und Prof. Mario Rüdiger, Leiter des

Fachbereichs Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin des

Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden haben eine europaweite

Studie initiiert, mit der die Wirksamkeit einer neuen Medikation für Babys

überprüft werden soll, die in der Geburtsphase akutem Sauerstoffmangel

erlitten haben. Bei einem ungünstigen Verlauf führt dieser Mangel zum Tod

oder zu dauerhaften Folgen in Form von motorischen Störungen oder einer

verminderten geistigen Leistungsfähigkeit.
Die beiden wissenschaftlich tätigen Ärzte und Wissenschaftler aus

Baden-Württemberg und Sachsen konnten die Gutachter des von der

Europäischen Union initiierten Rahmenprogramms für Forschung und

Innovation „Horizon 2020“ von ihrem Vorhaben überzeugen. Die EU finanziert

die ALBINO-Studie mit knapp sechs Millionen Euro, in der Wissenschaftler

und Kliniker aus 14 europäischen Ländern zusammenarbeiten werden. Die

Initiatoren der Studie reisen deshalb als Koordinatoren der Studie am

morgigen Donnerstag (10. September) nach Brüssel. Hier informieren sie

sich in einem initialen Treffen aller „Horizon 2020“-Koordinatoren über

die Modalitäten des Förderprogramms zu ihrem Forschungsvorhaben.
Dank der intensiven medizinischen Überwachung während des Geburtsvorgangs

erleiden heute nur noch ein bis vier von eintausend Neugeborenen einen

Sauerstoffmangel unter der Geburt. Deutschlandweit sind das etwa 400 bis

600 Kinder, so dass dieser Mangel als häufigste Geburtskomplikation mit

Folgeschäden gilt. Der Sauerstoffmangel schädigt grundsätzlich alle

Organe, doch das Gehirn reagiert am empfindlichsten. Hier sterben am

schnellsten Zellen ab, wenn das Blut zu wenig Sauerstoff enthält. Die

Schäden reichen von vorübergehenden Problemen, die von alleine wieder

verschwinden, bis hin zu schweren Entwicklungsstörungen, Lähmungen und

Behinderungen. Eine wirksame Methode, um das Gehirn nach einem solchen

Ereignis zu schützen, ist das vor zehn Jahren als Behandlungsstandard

eingeführte und bereits in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in

Dresden wissenschaftlich untersuchte, gezielte Kühlen des Neugeborenen.

Der Körper wird dabei für 72 Stunden auf 33,5 Grad abgekühlt und danach

langsam wieder erwärmt.
Trotzdem sterben noch immer 45 bis 50 Prozent der betroffenen Kinder oder

behalten schwere neurologische Schäden zurück. In kleineren klinischen

Studien wurde bereits gezeigt, dass sich durch die Gabe des Medikaments

„Allopurinol“ direkt nach der Geburt die langfristigen Schäden weiter

reduzieren lassen. Der zur Behandlung von chronischen Gicht-Erkrankungen

eingesetzte Wirkstoff sorgt dafür, dass die Harnsäure-Konzentration im

Blut gesenkt wird und beugt so akuten Gichtanfällen vor. Wie genau

„Allopurinol“ nach einem Sauerstoffmangel wirkt, war lange Zeit unbekannt.

In den vergangenen Jahren konnten Forscher in einem ersten Schritt die

Mechanismen beschreiben, die infolge des Sauerstoffmangels zum Untergang

von Hirnzellen führen. Der Mangel setzt komplexe Prozesse in Gang, welche

die Nervenzellen schädigen – zum Beispiel das Anlagern von Glutamat, den

Anstieg der Kalziumkonzentration oder das Auslösen des programmierten

Zelltods. Diese Vorgänge entwickeln sich nicht unmittelbar in der

Mangelsituation, sondern während der ersten Stunden nach dem Ereignis.

Hieraus ergibt sich ein „therapeutisches Fenster“ für mögliche, die

Hirnnerven schützende Behandlungen – auch mit „Allopurinol“.
In der durch die EU geförderten ALBINO-Studie (Effect of ALlopurinol in

addition to hypothermia for hypoxic-ischemic Brain Injury on

Neurocognitive Outcome) soll die Wirksamkeit dieses Medikamentes bewiesen

werden. Dazu sollen rund 900 Neugeborene mit Sauerstoffmangel unter der

Geburt untersucht werden. Da selbst große Kliniken jährlich nicht mehr als

fünf derartiger Kinder behandeln, ist eine große multizentrische

internationale Studie notwendig, um die Patientenzahlen zu rekrutieren.

Die enge Kooperation der Wissenschaftler aus Tübingen und Dresden sorgt

für Synergieeffekte. Beide bringen ihr spezielles Wissen und Know-how ein,

um dieses Forschungsvorhaben erfolgreich abwickeln zu können. Prof. Axel

Franz` Expertise liegt in der Organisation multizentrischer Studien. Der

Arzt und Wissenschaftler ist Leiter des „Center for Pediatric Clinical

Studies“ (CPCS) in Tübingen. Diese Einrichtung koordinierte bereits zwei

große, öffentlich durch die Europäische Union beziehungsweise die Deutsche

Forschungsgemeinschaft finanzierte neonatologische Studien. Prof. Mario

Rüdiger leitet das Deutsche Hypothermienetzwerk und ist Organisator eines

jährlich stattfindenden wissenschaftlichen Symposiums europäischer

Forscher auf diesem Gebiet. Diese Kombination an Expertisen hat die

Gutachter der EU davon überzeugt, die auf „Allopurinol“ basierende

Therapie erstmals in einer großen Studie zu erforschen und damit die

Chance zu nutzen, den betroffenen Kindern besser als bisher zu helfen.

Weitere Informationen unter

www.medizin.uni-tuebingen.de/kinder/de/abteilungen/cpcs/

www.medizin.uni-

tuebingen.de/Patienten/Kliniken/Kinder_+und+Jugendmedizin-p-796/Kinderheilkunde+IV.html

www.hypothermienetzwerk.de

Kontakt für Journalisten

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin

Zentrum für Neonatologie

Leiter: Prof. Dr. med. Mario Rüdiger

Tel. 0351 458 2440

E-Mail: kik@uniklinikum-dresden.de
Universitätsklinikum Tübingen

Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin

Center for Pediatric Clinical Studies

Leiter: Prof. Dr. Axel Franz

Tel. 07071 29 82211

E-Mail: axel.franz@med.uni-tuebingen.de